Montagmorgen auf der Ostsee vor Travemünde: Regen, Wind und eine steile Welle. Die Bedingungen für den dritten Regattatag versprachen schon zur Frühbesprechung der Regattaleitung, dass es ein herausfordernder Tag werden würde. Daher ging für alle Klassen zunächst der rot-weiß Wimpel am Flaggenmast hoch: Signal für eine Startverschiebung. Im Laufe des Tages wurde der Wind zwar etwas weniger und der Regen hörte auf. Die Welle blieb aber ein Problem, brachte nicht nur Segler, sondern auch die Organisation ans Limit.
So mussten auf diversen Bahnen die Rennen abgesagt werden, da die Crews der Startschiffe keine Chance hatten, die Boote zu ankern. Betroffen davon waren die RS Tera, die RS 500 bei ihren Welt- und Europameisterschaften. Die RS Venture Connect bogen für ihre EM in die Pötenitzer Wiek ab, andere Klassen schafften noch spät ein schmales Programm. Ohne weitere Wettfahrten beendeten die J/22 mit den German Open und die H-Boote ihre Travemünder Woche – mit einem neuen deutschen Titelträger. Wolf Jeschonnek (Berlin) und seine Crew sicherten sich erstmals das Gold bei der German Open der J/22.
Trotz des widrigen Wetters zeigte sich Olivier Weber beeindruckt von dem Geschehen zur Travemünder Woche. Der Präsident von Swiss Sailing war das erste Mal bei der TW, um sich ein Bild davon zu machen, wie der Zürcher YC als Mitveranstalter der TW an der Ostsee arbeitet, und um Kontakte zu knüpfen. „Die Kontaktpflege ist sehr gut gelungen. Ich habe DSV-Präsidentin Mona Küppers fast täglich getroffen. Das hilft, um zukünftig besser auf Verbandsebene zusammen zu arbeiten. Die internationale Interaktion war beeindruckend – sei es in der Wettfahrtleitung oder in der Jury. Außerdem durfte ich zur Travemünder Woche erleben, wie großartig die Verbindung aus Festival und Sport klappen kann. Und die Stimmung war toll. Überall hat man strahlende Gesichter gesehen, die Spaß am Dabeisein und Zusammensein hatten“, so das Urteil des 59-jährigen Rechtsanwalts aus Bern.

Betroffen von den harten Wellenbedingungen des Montags war allerdings auch die ZYC-Crew. Zweimal nahmen sie einen Anlauf auf die Medienbahn hinaus. Beide Male versagte der Anker seinen Dienst. So blieb es ihnen nichts anderes übrig, als die Rennen für die J/22 und H-Boote abzusagen und die beiden Flotten wieder in den Hafen zu schicken.
Damit hatte das Ergebnis vom Vortag Bestand, und Wolf Jeschonnek durfte mit Frank Sturm und Klaus Lund im Vorschiff den German-Open-Sieg feiern. „Wir waren nun zum vierten Mal in Travemünde – einmal zur Weltmeisterschaft und dreimal zu den German Open – und das ist unser erster Sieg. Letztes Jahr waren wir schon nah dran. Danach ahbe ich mich noch mal intensiv mit dem Trimm beschäftigt und hatte nun erstmals das Gefühl, bei allen Bedingungen schnell fahren zu können. Wir wären heute gern noch gesegelt, aber mit der Welle war es wirklich grenzwertig“, berichtete Jeschonnek. Auf den weiteren Podiumsplätzen landeten die beiden Hamburger Mannschaften um Thorsten Spötter und Andreas Dillmann.
Nach dem Ergebnis vom Vortag durfte bei den H-Booten die Berliner Familienmannschaft mit Holger, Jan und Uwe Köhne den Siegerpott entgegen nehmen. Drei Siege und zwei dritte Plätze fuhren sie zum Gesamterfolg vor den weiteren Berliner Mannschaften von Andreas Krause und Jens Hanisch ein.
Immerhin eine Wettfahrt brachten die Finn-Dinghys über die Bahn. An den Spitzenpositionen änderte das indes nichts. Der Gesamtführende André Budzien (Schwerin) fuhr einen weiteren Sieg vor seinem ärgsten Verfolger Fabian Lemmel (Berlin) ein. Entschieden ist bei einem Vorsprung von lediglich einem Punkt und noch drei ausstehenden Rennen aber nichts. Mit Respektsabstand auf Platz drei folgt Jürgen Eiermann (Rastatt).
Die Vaurien segeln seit Montag um den Weltmeistertitel und starteten mit einem langen Wettfahrttag, der bis in den Abend dauerte, ins Geschehen. Die weiteste Anreise zur WM hatten zwei Teams aus Angola. Der südwestafrikanische Staat steht nicht zum ersten Mal auf der Meldeliste der Travemünder Woche. Schon bei der Vaurien-WM 2018 in Travemünde gingen fünf Teams aus Angola an den Start. „Uns gefällt es in Travemünde gut, auch wenn es für uns beim Campen am Grünstrand momentan etwas kühl ist. Wir hoffen bei der WM auf gute Ergebnisse“, sagt Team-Coach Vicente Mendonça, der mit seinen Teams keine Vaurien-WM auslässt. „Segeln ist in Angola ein weitverbreiteter Sport. Neben Vaurien sind Ilcas, 470er, und Optimisten beliebt. Viel Wind und Wellen sind die Teams gewohnt, weil sie zu Hause auf dem Atlantik segeln“, so der Trainer. Entsprechend entspannt gingen seine Teams die Rennen an.

Gäbe es bei der Vaurien-WM einen Preis für das schönste Boot, würde ihn wohl der Franzose Jean-Francois Vuaillat bekommen. Sein Holzboot aus dem Jahr 1976 ziert am Bug eine kunstvolle Intarsie mit Blumenmotiv. Normalerweise segelt seine Tochter Fanny das hölzerne Familienboot. Bei der WM lässt sie ihrem Vater den Vortritt und startet in einem Kunststoffboot. „Spaß und schönes Segeln auf der Ostsee“ versprechen sich die beiden von ihrem TW-Debüt. Spaß bei der WM wollen auch Jan Marten und Henry Pickles aus Nordrhein-Westfalen haben, die im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft in Italien einen Platz im Mittelfeld belegten. „Das Revier haben wir vorher schon getestet, inklusive Kenterung. Es kann nur noch besser werden“, so das Duo. Klar Führende nach den ersten drei Wettfahrten mit drei Siegen in Serie sind die Italiener Olmo Cerri/Giola Bertolani.

Mit rund 200 Booten stellt die Klasse RS Aero das größte Starterfeld der 137. Travemünder Woche. Seit Montag tragen die Aero-Klassen 5, 6, 7 und 9 ihre Europameisterschaft und Jugendweltmeisterschaft aus und segelten direkt bis in die Abendstunden hinein Wettfahrten aus. Die Ergebnisse von der Bahn ließen entsprechend lange auf sich warten.
Mit 19 vertretenen Nationen ist das Feld der RS Aero auch sehr international aufgestellt. Jamie und Andrew Mack sind gemeinsam mit ihrer Tochter Lauren aus den USA angereist, um an der Meisterschaft teilzunehmen. Jamie Mack startet bei den RS Aero 5 – die „Klasse für Jugendliche, Rentner und kleine Menschen“ wie sie es nennt, ihr Mann und ihre Tochter gehen bei den RS Aero 6 an den Start. „Ich habe im Alter von 27 Jahren mit dem Segeln begonnen, mein Mann Andy segelt schon sein ganzes Leben lang und hat mehrere olympische Kampagnen im Laser und 49er hinter sich.
Vor 21 Jahren haben wir in unserer Heimat Oregon das Gorge Sailing Centre gegründet, eine gemeinnützige Organisation, die sich dafür einsetzt, das Segeln für alle Menschen in der Columbia River Gorge zugänglich zu machen“, fasst Jamie Mack zusammen. Dreimal war das Familientrio insgesamt bei Regatten in Europa: in Frankreich, Italien und nun Deutschland. Ihr Urteil über Travemünde fällt positiv aus: „Es ist großartig hier. Die Leute sind sehr freundlich, und alles ist super gut organisiert.“

Die Heimat der Macks, Hood River an der Grenze der Staaten Oregon und Washington, gilt als die Windsurfhauptstadt der USA, weshalb die Drei weder Wind noch Welle fürchten. „Das sind wir gewöhnt. Ich hoffe in Travemünde auf ordentlich Wind“, so Andrew Mack. Tochter Lauren freut sich darauf, gegen ihre Freunde aus Großbritannien zu segeln. Was die US-Familie an der Klasse RS Aero so schätzt, sind die gute Gemeinschaft und die Tatsache, dass das Boot für Menschen aller Generationen und mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen geeignet ist. „Das Boot ist schnell und macht Spaß“, ergänzt Andrew Mack.
Für fünf weitere RS-Klassen gehen am Dienstag nach vier Wettfahrttagen ihre Meisterschaften im Rahmen der RS Games zu Ende. Vor dem Finale mussten indes die RS Tera und RS 500 auf weitere Rennen verzichten, da der starke Wellengang das Ankern der Startschiffe verhinderte. Für beide Klassen sind nun am Abschlusstag ihrer Meisterschaften vier Wettfahrten geplant. Auch die RS 700 und 800 haben keine neuen Wettfahrten zu verbuchen. Morgen sind jeweils drei Rennen angesetzt.
Auch bei den RS Venture Connect zogen sich die Wettfahrten des Tages bis in den Abend hinein. Zunächst hatte die gelbe Gruppe zwei Wettfahrten vom Vortag nachgeholt und direkt zwei weitere Rennen für das weitere Ranking absolviert. Die anderen beiden Gruppen segelten zwei weitere Wettfahrten. Konstant gute Ergebnisse in der gelben Gruppe verbuchte das spanische Team Pau Toni Homar und Ramón Gutierrez und gehört damit zu den Topfavoriten der Europameisterschaft.