Wer in diesen Tagen nach Wettfahrtende im Passathafen über den Steg B geht, wenn die Aktiven sich zum Stegbier treffen, merkt schnell: Hier versammeln sich viele Jahrzehnte an Segelerfahrung. Ein Großteil der Dyas-Segler und -Seglerinnen ist schon seit vielen Jahren regelmäßig zu Gast bei der Travemünder Woche und erinnert sich gerne zurück. So auch zwei Urgesteine aus der Klasse: der 68-jährige Michael Weber aus Koblenz vom Yacht-Club Rhein-Mosel und sein 72 Jahre alter Vereinskollege Jens Leicher.

„In Koblenz haben wir ein kleines, aber feines Segelrevier auf der aufgestauten Mosel. Da segele ich seit gut 60 Jahren, also von Kindesbeinen an. Am Anfang hatten wir ein kleines umgebautes Rettungsboot, dann haben wir einen Pirat bekommen, und später sind wir 420er gesegelt. Als ich älter war, bin ich als Dyas-Vorschoter gefahren, zum ersten Mal 1976 hier“, zählt Weber seine seglerischen Stationen auf. Erstmals auf der Travemünder Woche war der Segler 1965 als Kind, als sein Vater Schwertzugvogel gesegelt ist.
„Ich habe viele tolle Erinnerungen an Travemünde. Die ganze Hafenanlage auf dem Priwall ist schön, die Passat und der Strand. Auch das Maritim-Hochhaus haben wir irgendwann verdaut. Als wir erstmals hierher kamen, waren wir davon ein bisschen irritiert. So ging es mir auch mit den Neubauten auf dem Priwall. Am Anfang denkst du, die schönen grünen Wiesen sind alle weg, aber Travemünde muss sich ja weiterentwickeln. Ich komme nicht nur gern zum Segeln hier, sondern mir gefällt das ganze Ambiente, und ein Niederegger-Besuch hat natürlich auch Tradition“, so Weber.
Von der Dyas, die stark im deutschsprachigen Raum verbreitet ist, schwärmt der Koblenzer in höchsten Tönen: „Das Boot ist besser für leichteren Wind geeignet, trotzdem fahren wir hier auch gern in der Welle. Die Dyas ist anspruchsvoll, weil du Trapez und Spinnaker hast. Trotzdem ist sie sehr sicher und stabil und kommt nach dem Kentern von alleine wieder hoch. Es ist ein super Allround-Schiff, das bei zwei Windstärken schon richtig schnell ist.“
Weber erinnert sich noch gut an die Zeit vor der Wende bei der Travemünder Woche, als das grenznahe Segeln nicht immer ganz unproblematisch war: „Man hatte immer Respekt vor der Zonengrenze. Schon als Kinder am Strand mussten wir immer aufpassen, um nicht aus Versehen in der DDR zu landen. Ein Vereinskumpel ist mal einem Korsar bei Sturm Richtung Osten getrieben. Den hat die Bundeswehr einkassiert, damit er nicht in Ostdeutschland strandet.“
In guter Erinnerung hat der Dyas-Segler, dass es früher bei den TW-Regatten langsamer zuging, als nur eine lange Wettfahrt am Tag gesegelt wurde und am Ruhetag Zeit für einen Strandbesuch war. „Damals war die Bahn unendlich lang. Da hat man nie eine Tonne gesehen, ist nach Kompass gefahren und hat vermutet, da sollte sie irgendwo sein. Früher sind bei der Travemünder Woche morgens bis zu 1000 Boote rausgefahren. Das war ein echtes Erlebnis. Leider sind wir weniger geworden. Der demografische Wandel trifft uns auch“, sagt er.
Dafür sei die ganze Organisation bei der Travemünder Woche viel professioneller geworden. Zum Beispiel auf der Regattabahn: „Damals wurde alles mit allen möglichen Motorbooten organisiert, Motorjachten wurden angeheuert. Heute gibt es jede Menge Schlauchboote.“ Aber trotz aller Veränderungen kommt der 68-Jährige immer noch gerne zurück nach Travemünde. Denn einiges sei eben doch geblieben wie es war: die Ostsee, die „Passat“ und die Festivalmeile.
Auch sein Vereinskollege Jens Leicher, der in der Klasse auch als „Shorty“ bekannt ist, erinnert sich an viele schöne Jahre bei der Travemünder Woche – an Zeiten mit 48 Dyas am Start, einer Wagenburg auf der Priwall-Wiese als Unterkunft mit einer Zapfanlage, drei Braumeistern und 700 Litern Bier, die „am Ende der Woche einfach verdampft“ waren. Auch das grenznahe Segeln zu DDR-Zeiten ist ihm noch gut im Gedächtnis, sei aber immer gut gegangen, sagt er. „Minensucher und Schnellboote waren ja als Startschiffe im Einsatz. Sie haben dich abgefischt und einkassiert, wenn man abgetrieben ist“, sagt er. Auf dem Landweg zur Meisterschaft in Berlin wurde er dann allerdings doch einmal ausgiebig von den DDR-Grenzern gefilzt. „Ich hatte von der Travemünder Woche noch eine Signalpistole dabei. Die war da Pflicht. An der Grenze war aber Riesentheater. Die haben gemeint. Ich wollte die DDR sprengen“, sagt Leicher lachend.
Vor über 50 Jahren hat er im 420er erstmals an der Travemünder Woche teilgenommen. Seit Mitte der Achtzigerjahre ist er jährlich mit von der Partie, seit langem mit der Dyas-Klasse. Der 72-Jährige ist noch mit einem kleinen Werftbetrieb selbstständig und in Travemünde Ansprechpartner bei den Klassenkollegen, wenn technische Problemen an den Booten auftreten. Bevor er sich zum Stegbier verabschiedet, erzählt er noch schnell die Anekdote, wie er bei der Travemünder Woche 2014 auf der Medienbahn bei einem Rennen Mast vorweg ins Ziel kam und man diskutierte, ob das wohl als „normale Lage“ gewertet werden könne. Dann schnappen sich die beiden Dyas-Urgesteine ihr Bier, stoßen auf die zwei erfolgreich absolvierten Wettfahrten des Tages an und freuen sich auf den heutigen Abschlusstag ihrer Internationalen Deutschen Meisterschaft.
Als Viertplatzierter startete Michael Weber mit seinem Vorschoter Ralf Stuhlemmer, Vater der Olympiadritten in Tokio im Nacra17 Alicia Stuhlemmer, in die letzten Wettfahrten der Meisterschaft. Jens Leicher und Maik Middendorf sind ihm auf Platz fünf dicht auf den Fersen.