Sieger-Kür ohne weitere Rennen

Der letzte Tag der Travemünder Woche bot noch einmal ein Windszenario, das es in den gesamten neun Tagen zuvor nicht gab: Flaute! Da der vorherrschende Wind und die Thermik gegeneinander arbeiteten, baute sich bis zum frühen Nachmittag keine segelbare Brise auf, so dass Wettfahrten der Klassen, die an diesem Sonntag noch ausstanden, nach und nach abgesagt wurden. Die Seesegler, Katamaran-Akteure, Kiter und Bundesligisten feierten so ohne weitere Rennen ihre Sieger.

Freud und Leid liegen bei einem Tag der Wettfahrtabsagen dicht beieinander. Doch die Erkenntnis, dass der Wind auf den Bahnen der Lübecker Bucht nicht segelbar war, wurde allen deutlich. Die Seesegler hatten zum Abschluss der TW ihre Mittelstrecken-Rennen auf dem Plan, absolvierten am Sonnabend immerhin eine Wettfahrt über 20 Seemeilen durch die Lübecker Bucht. Am Sonntag war früh klar, dass es nicht zu einem weiteren Rennen reichen würde, so dass sich zur schönsten Mittagszeit die Crews zur Siegerehrung zusammenfanden.

„Gestern waren es genau unsere Bedingungen, es lief perfekt für uns. Unterwegs haben wir uns mit anderen Booten gematcht. Da kam richtig Regatta-Feeling auf, wie sonst eher bei den Up-and-Downs. Dass es heute keinen Start mehr gab, spielt für uns keine große Rolle. Wir hätten uns ohnehin nicht mehr verbessern können“, sagte Frank Haßler, der mit der Hanse 371 „Fru Hansen“ die ORC-Wertung über alle Klassen nach berechneter Zeit gewann.

„Gestern war ein hervorragender Segeltag mit einem super Kurs. Und am Ende unter Spinnaker in die Trave einzufahren, ist immer ein besonderes Erlebnis“, resümierte Lutz Pouplier, der mit der First 32 „Tsunami“ in der Yardstick-Wertung der beiden Gruppen berechnet am schnellsten unterwegs war.

Die Seesegler haben mit der Internationalen Deutschen Meisterschaft im kommenden Jahr ebenso ihr Saison-Highlight zur Travemünder Woche wie die Formula18-Katamarane, die in 2023 ihre WM vor Travemünde aussegeln. So war die Ranglisten-Regatta in diesem Jahr ein Warm-up, das das Vater-Sohn-Gespann Jesse und Sven Lindstädt aus Norderstedt gegen die 18 Konkurrenten aus vier Nationen mit einer beeindruckenden Serie von ersten, zweiten und dritten Plätzen gewann. Dahinter folgte das finnische Ehepaar Mikko und Kirsikka Raisänen auf Rang zwei vor dem US-Team Stephen Stroebel/Steven Leuck.

Die Chance auf einen Angriff auf die Medaillenplätze blieb den deutschen Crews zum Abschluss der Europameisterschaft in der Hobie-16-Klasse verwehrt. Nachdem sie am Sonnabend aus den Podiumsrängen gerutscht waren, bangten Jens Goritz/Anke Delius (Föhr), Ulf Hahn/Katrin Wiese-Dohse (Kellenhusen) und Ingo Delius/Sabine Delius-Wenig (Bocholt) auf den Rängen vier, fünf und sechs darum, dass sich eine segelbare Brise einstellen möge. Doch die Hoffnung erfüllte sich nicht. Ohne eine sonntägliche Ausfahrt auf die Bahn Bravo durften sich die Italiener Gessa Pierandrea/Roberto Dessy zu neuen Europameistern küren lassen. Ex-Weltmeister Daniel Björnholt und seine Vorschoterin Josephine Frederiksen (Dänemark) mussten sich ebenso geschlagen geben wie die Titelverteidiger Stefan Griesmeyer/Caterina Degli Uberti. Die deutsch-italienische Kombination startet unter italienischer Flagge.

Für seinen Sieg hatte der neue Europameister eine einfache Erfolgserklärung: „Die Grundtaktik war: Am Boot starten und dann rechts raus.“ Dieses Motto beherzigen Pierandrea/Dessy auch in ihrem Heimatrevier. Und was in Cagliari auf Sardinien klappt, funktionierte auch auf Bahn Bravo der Travemünder Woche. Zudem können die Italiener auf intensive Regattaerfahrung zurückgreifen. In ihrem Heimatclub werden jeden Sonnabend Vereinsregatten mit 30 Booten gesegelt. Jetzt krönten sich Pierandrea/Dessy nicht nur zu Club-Champions, sondern auch zu Europameistern, nachdem sie im vergangenen Jahr auf Platz drei gelandet waren.

„So etwas wie hier ist nahezu ideal. Wir können direkt mit PKW und Trailer auf den Strand fahren und haben mit dem großen Zelt eine schöne geschlossene Einheit und unsere eigene Hobie-Welt. Die Atmosphäre und das Ambiente am Strand auf dem Priwall sind toll“, resümiert Knud Jansen, Vorsitzender der Deutschen Hobie Cat Klassenvereinigung. Auch Check-in und Betreuung durch die Helfer seien super gewesen. „Gerne würden wir am Standort Travemünde weitere Events etablieren, vermutlich allerdings eher Ranglistenregatten, losgelöst von der Travemünder Woche“, so Jansen. Glücklich war auch Caterina Degli Uberti, die Präsidentin der europäischen Klassenvereinigung: „Wir sind stolz, was wir hier auf die Beine gestellt haben. In ein paar Jahren kommen wir gern wieder, dann mit guten Erinnerungen an Travemünde.“

Detlef Mohr, vielfacher Europa-Meister im Hobie 16, wäre am heutigen Abschlusstag gerne noch weitere Rennen gesegelt. „Gestern lief es bei mir nicht so gut, deshalb hätte ich heute gerne die Chance gehabt, mich noch verbessern zu können. Mein Ziel waren die Top Ten. Bis auf heute hatten wir immer super Bedingungen und anspruchsvolle Wettfahrten“, so der Hamburger, der schließlich auf Platz acht landete.

Auch die Klasse Formula Kite krönte ihren neuen Meister bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft – ebenfalls ohne weitere Rennen. Schon am Sonnabend musste die Klasse nach zwei Wettfahrten abbrechen, da zu viel Seegras auf der Bahn im Wasser trieb, das die foilenden Kiter ausbremste. „Gestern war so viel Seegras im Wasser, dass der ganze Foil vollhing. Wir konnten kaum fahren. Es ist schade, dass wir heute nicht mehr starten konnten, aber es hat niemanden überrascht“, sagt der deutsche Nachwuchskiter Jan Vöster, der bei der IDM von Beginn an Kurs aufs Podium genommen hatte. „Ich freue mich über Platz zwei. Das war ein richtig gutes Event mit einer Top-Organisation“, so der Kiter vom Württembergischen Yacht-Club (WYC). Nach einem kurzen Stopp zu Hause in Neuenburg am Rhein geht es für ihn in anderthalb Wochen schon wieder im Norden aufs Wasser, bei den Kitesurf Masters in St. Peter-Ording. Lobende Worte über die IDM in Travemünde kommen auch von Alexander Ehlen, der in den IDM-Rennen Platz eins abonniert hatte und souverän den Titel erkitete. „Es war ein tolles Event und hat Spaß gemacht. Aber ich hoffe, dass wir nächstes Mal wieder mehr Starter sind“, sagt der Monegasse vom Yacht Club Monaco. Bronze ging bei der IDM im Rahmen der Travemünder Woche an den Australier Hector Paturau.

Die Sektkorken ließ auch die Segelbundesliga ohne weitere Rennen knallen. Nachdem schon die Sailing Champions League ein stimmungsvolles Event am Anfang der Woche gefeiert hatte, fanden auch die Bundesligisten an zwei Tagen perfekte Bedingungen vor. Wettfahrtleiter Wolfgang Stückl hatte mit seinem Team die Schwierigkeiten zum Abschuss vorhergesehen und schon kräftig vorgearbeitet. So waren 14 der 16 Flights gesegelt, als die Verantwortlichen der Bundesliga zur Siegerehrung baten.

Pure Freude herrschte beim Lübecker SV, der auf seinem Heimatrevier auf Rang drei in der Zweiten Liga segelte und sich damit in der Saison-Tabelle auf Platz zehn im sicheren Mittelfeld etablierte. „Das Revier liegt uns natürlich. Mit dem gleichmäßigen Wind und der Welle können wir als Nord-Crew gut umgehen und daraus einen Heimvorteil entwickeln“, sagte LSV-Skipper Sönke Boy. Gut auf Wind und Welle waren auch der ASV Warnemünde auf Platz zwei und der Konstanzer YC als Sieger des Zweitliga-Events von Travemünde eingestellt.

In der Ersten Liga ließ der NRV Hamburg der Kampfansage vor dem Event auch Taten folgen. Die Mannschaft um den ehemaligen Olympiasegler Tobias Schadewaldt hatte bereits vor zwei Wochen in Kiel gewonnen und wollte direkt daran anknüpfen. Das gelang: Mit großem Vorsprung sicherten sich die Hamburger den zweiten Sieg in Folge und spielen damit auch in der Saison-Tabelle auf Rang zwei wieder ganz vorn mit. Hinter dem NRV folgten der Berliner YC und der Düsseldorfer YC auf den weiteren Podiumsplätzen. Der bisherige Tabellenführer vom MSC aus Hamburg rutschte durch seinen 13. Platz von Travemünde auf Rang drei in der Saisonwertung ab. Neuer Spitzenreiter ist der SMC Überlingen.

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